Was ist eigentlich die „Citybahn“?

Das Projekt „Citybahn“ ist eine Fortführung des in 2001 und 2013 gescheiterten Projekts einer „Stadtbahn“. Unser Informationsstand zur „Citybahn“ beruht hauptsächlich auf den Presseveröffentlichungen und den bislang bekannten Planungsunterlagen von ESWE Verkehr, insbesondere

– der Zusammenfassung der Ergebnisse aus der Machbarkeitsstudie Stand November 2016,

– der Projektbeschreibung Vorhaben Citybahn Bad Schwalbach – Wiesbaden – Mainz und

– der Standardisierten Bewertung (Nutzen-Kosten-Untersuchung) Stand 12.12.2017.

Das Vorhaben „Citybahn“ ist demnach eine Art „Straßenbahn“, welche grundsätzlich 2-gleisig auf einem eigenen und baulich von der Straße abgetrennten Gleisbett von etwa 6 m Breite mit Doppelzügen von 2 x 30 m Länge auf einer sogenannten Meterspur fahren soll. Die „Citybahn“ wird in der Projektbeschreibung als erster und zentraler Baustein eines Citybahn-Gesamtnetzes aus mehreren Linien beschrieben, was also auf eine Verkehrswende in Wiesbaden mit einer jahrzehntelangen Bindung an die Technologie einer Stadtbahn hinausläuft.

In dem „ersten Baustein“, dessen Gesamtkosten mit derzeit 448 Mio. € angegeben werden, geht es um eine Gleisstrecke von insgesamt 34 km zwischen dem Bahnhof Bad Schwalbach und dem Hauptbahnhof Mainz. Der „erste Baustein“ wiederum gliedert sich in 4 Planungsabschnitte, die aber unabhängig von der tatsächlichen Realisierung betrachtet werden sollen.

Der 1. Planungsabschnitt betrifft eine Strecke von 12,19 km zwischen der Hochschule Rhein Main und dem Brückenkopf der Theodor-Heuss-Brücke in Mainz-Kastel, der 2. Planungsabschnitt eine Erweiterung der Strecke zwischen der Hochschule Rhein Main und der Wiesbadener Stadtgrenze in Klarenthal und dem Kohlheck von 4,73 km, der 3. Planungsabschnitt meint die Wiederbelebung der Aartalbahnstrecke zwischen der Wiesbadener Stadtgrenze und dem Bahnhof in Bad Schwalbach mit 15,01 km und der 4. Planungsabschnitt schließlich zielt auf die Herstellung einer Verbindung zwischen dem Brückenkopf der Theodor-Heuss-Brücke und dem Mainzer Hauptbahnhof.

Die geschätzten Kosten für den „ersten Baustein“ von derzeit 448 Mio € verteilen sich folgendermaßen:

1. Baukosten Fahrweg
a. WI Fachhochschule – Brückenkopf THB 12,2 km 149 Mio. €
b. WI Simeonhaus – WI Fachhochschule 4,7 km 52 Mio. €
c. Bad Schwalbach – WI Simeonhaus (Aartalstrecke) 14,8 km 70 Mio. €
d. Brückenkopf THB – Mainz HBF 2,4 km 34 Mio. €
[Zwischensumme Baukosten Fahrweg: 305 Mio €]
2. Baukosten Erweiterung Betriebshof ESWE 6 Mio. €
3. Baunebenkosten (Planung etc.) 59 Mio. €
4. Kosten Citybahn Fahrzeuge ( 3 Mio. € / Stück) 78 Mio. €
Gesamtkosten 448 Mio. €

Eine von ESWE Verkehr beauftragte Machbarkeitsstudie mit einer (ersten) Nutzen-Kosten-Analyse liegt bereits seit Ende 2016 vor. Die Fortführung des Projekts wurde in der Stadtverordnetenversammlung am 16.02.2017 beschlossen, mittlerweile wurde die Vorplanung durch die beauftragten Ingenieurgesellschaften fertig gestellt. Am 12.12.2017 wurden die Ergebnisse einer vertiefenden (zweiten) Nutzen-Kosten-Untersuchung (NKU) bei einer Pressekonferenz und bei einer gemeinsamen Verkehrsausschuss-Sitzung der Städte Mainz und Wiesbaden vorgestellt.

Während auf Grundlage der Machbarkeitsstudie vom November 2016 noch eine Streckenführung im 1. Planungsabschnitt von der FH Wiesbaden über die Dotzheimer Straße, die Luisenstraße, die Bahnhofstraße, den Hauptbahnhof, die Gartenfeldstraße, den „Quartiersboulevard“ seitlich der Mainzer Straße, den Bahnhof Ost, das Gewerbegebiet Petersweg und die Wiesbadener Straße zum Brückenkopf der Theodor-Heuss-Brücke als Vorzugsvariante angesehen wurde, ist diese Linienführung seit dem 12.12.2017 hinfällig. Nun soll die Citybahn ab dem Hauptbahnhof über die Biebricher Allee nach Biebrich und über die Kasteler Straße zur Theodor-Heuss-Brücke geführt werden, da diese Streckenführung – anders als noch 2016 – wesentlich wirtschaftlicher sei. Zusätzlich soll im 1. Planungsabschnitt aber noch ein zusätzlicher „Streckenast“ vom Hauptbahnhof zum „Quartiersboulevard“ seitlich der Mainzer Straße eingerichtet werden. Offen ist dagegen, wo genau die Citybahn in Biebrich zur Kasteler Straße geführt wird und ob sie in der Innenstadt über die Luisenstraße-Dotzheimer Straße oder aber über die Rheinstraße-Ringkirche fahren soll.

Nicht wie ursprünglich vorgesehen ab November 2017, sondern nun vom 13.12.2017 bis wahrscheinlich zum 16.01.2018 ist eine Online-Bürgerbeteiligung über die Homepage der Citybahn GmbH vorgesehen. Anschließend soll es vier „Infomessen“ in Wiesbaden und eine weitere „Infomesse“ in Mainz geben. Sowohl die Online-Bürgerbeteiligung, als auch die „Infomessen“ sehen jedoch lediglich vor, dass die Bürger/-innen Anregungen über das WIE der „Citybahn“ vorbringen können, also wo genau sie in Biebrich fährt und wo genau sie durch die Innenstadt fährt. Eine Mitbestimmung über das OB der Citybahn war nie vorgesehen und ist auch jetzt nicht beabsichtigt.

Bis zum Frühjahr/Sommer 2018 soll eine endgültige Variantenentscheidung zur Trassenführung fallen und parallel dazu die Entwurfs- und Genehmigungsplanung bei den beauftragten Ingenieurgesellschaften begonnen werden. Zwischen Ende 2018 und Sommer 2019 ist die Einleitung des Planfeststellungsverfahrens vorgesehen, in welchem die Planung formal offen gelegt werden muss und alle davon betroffenen Anwohner ihre Einwendungen vorbringen können. Erst nach Vorliegen eines Planfeststellungsbeschlusses und nach Beendigung etwaiger Klageverfahren kann mit der baulichen Ausführung des Projekt begonnen werden. Ginge es nach den zeitlichen Vorstellungen von ESWE Verkehr, dann soll ab dem Jahr 2022 die erste Citybahn durch Wiesbaden rollen.

Selbst wenn die höchst ehrgeizigen Zeitpläne von ESWE Verkehr eingehalten werden könnten, so ist nicht gesagt, dass die derzeit geschätzten Projektkosten zu halten sein werden. Schon der Landrat des Rheingau-Taunus-Kreises geht von einer realistischen Kostensteigerung von 40 % aus. Da aber selbstverständlich auch die laufenden Unterhaltungsmaßnahmen an den Bahnen und Gleiskörpern einzurechnen sind und weil es um ein künftiges Citybahn-Gesamtnetz von weit mehr als 34 km geht, handelt es sich bei der Citybahn um ein Milliardenprojekt. Welche weiteren Bausteine bzw. Strecken und Stadtteile das Citybahn-Gesamtnetz eines Tages umfassen soll, behalten ESWE Verkehr und die Stadt bisher für sich.

Fazit: Das Projekt „Citybahn“ ist für Wiesbaden der Beginn einer Verkehrswende und in jedem Falle ein Abenteuer in zeitlicher und finanzieller Hinsicht.