Stichwort Zukunft des Verkehrsautonomes Fahren, EU Verkehrsprognosen, Elektromobilität, Flexibilität, Verkehr „on demand“, Vernetzung von Verkehrsträgern, Technologiebindung

Autonomes Fahren

Selbstfahrende Autos werden schon bald – die meisten Prognosen sehen einen Zeithorizont von weniger als 10 Jahren – Realität auf unseren Straßen sein. Diese Technologie wird unsere Mobilität revolutionieren, und zwar besonders im Bereich des öffentlichen Personenverkehrs. In dieser Situation noch Unmengen an Geld in ein System zu stecken, das keine Zukunft mehr hat, wäre eine höchst fragwürdige Entscheidung.

Selbstfahrende Autos ermöglichen individuelle Mobilität – also von Haustür zu Haustür, ohne Umsteigen und Warten an Haltestellen – zu Kosten, die wahrscheinlich noch unter denen des heutigen öffentlichen Nahverkehrs liegen. Das ist leicht nachvollziehbar. In voll besetzten Bussen oder Bahnen verteilen sich die Kosten eines Fahrers zwar auf viele Fahrgäste. Außerhalb der Spitzenzeiten oder der Stadtzentren sind die Fahrzeuge aber meist alles andere als voll besetzt.

Natürlich kann man die Fahrzeuge seltener fahren lassen, oder nur wenige Strecken mit hohem Aufkommen bedienen, um die Kosten in den Griff zu bekommen. Dann steigen die effektiven Fahrzeiten durch Wartezeiten oder Umsteigen, was die Systeme nicht nur weniger attraktiv macht, sondern schlicht unpraktikabel, da die meisten Menschen mit ihrer Zeit sorgsam umgehen müssen.

Bereits heute können öffentliche Nahverkehrssysteme nur mit hohen Subventionen am Laufen gehalten werden. Das ist heute noch – mit vielen Kompromissen – vertretbar, da für viele Menschen aus verschiedenen Gründen das Autofahren nicht möglich oder nicht sinnvoll ist. Zukünftig wird es für eine solche Subventionierung keine echten Argumente mehr geben, schon gar nicht für Systeme vom Typ der Citybahn.

Autonome Fahrzeuge werden – wie Taxis – auf Abruf verfügbar sein, aber nur einen Bruchteil davon kosten. Verkehrsbetriebe in ihrer heutigen Form werden Flotten von Roboterfahrzeugen verschiedener Größen betreiben – oder im Wettbewerb verschwinden.

Das betrifft vor allem schienengebundene Systeme. Sie sind unflexibel, störungsanfällig und teuer zu betreiben, sobald auch außerhalb von Spitzenzeiten attraktive Takte angeboten werden sollen. Wenn die Bahnen eigene Trassen bekommen, werden diese Flächen nicht effizient genutzt; Schienen zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie die allermeiste Zeit leer sind. Teilen sich Schienenfahrzeuge den Verkehrsraum mit anderen Fahrzeugen, entstehen massive Sicherheitsprobleme – die Bremswege sind einfach wesentlich länger und Bahnen können nicht einmal ausweichen, wenn ein Bremsen nicht mehr möglich ist.

Vielleicht ist es möglich, solche Systeme noch eine Weile künstlich am Leben zu halten, indem man Unmengen an Steuergeld für Subventionen ausgibt– dieses Geld fehlt dann an anderer Stelle wo es sinnvoller eingesetzt werden könnte, etwa für Bildung.

Vor diesem Hintergrund ist es also unsinnig, heute noch in den Neubau eines Systems zu investieren, das klar erkennbar keine Zukunft mehr hat.

EU-weite Megatrends

Der Verkehr nimmt EU-weit zu, auch im urbanen Bereich. Alle Verkehrsträger bzw. alle Nutzer eint aber der Wunsch: sie wollen schnell und flexibel von A nach B kommen.

Kurzfristig wird Elektromobilität mit Schnellladung erreicht werden für Elektroautos, leichte Nutzfahrzeuge und Busse. Bis 2050 soll 70% der Mobilität elektrisch (vollelektrisch und Hybrid) stattfinden.

Intelligentes Laden von Batterien wird möglich sein, d.h. Ladestationen können prüfen, wie mehrere Fahrzeuge neben- oder nacheinander am besten aufgeladen werden. Sie können auch den Energiefluss an mehreren Steckdosen der Ladestation unterschiedlich steuern und priorisieren. Solche Stationen können ihre Leistungsweitergabe außerdem zeitlich an der Auslastung des allgemeinen Stromnetzes ausrichten (Peak und Off-Peak).

Verkehrsmittel und Beförderungsleistungen werden vermehrt über Portale möglichst flexibel im Einzelfall gebucht. Bezahlt und verbucht wird nur die tatsächliche Nutzung nach Zeit oder Wegstrecke ( pay „per use“). Wegen dieser möglichen Einsparpotentiale und der größeren Flexibilität wird umgekehrt die Bereitschaft für Abos und Pauschalentgelte abnehmen, d.h. auch Monats- oder Jahreskarten werden nicht mehr so gefragt sein.

Neben oder zusammen mit Verkehr „per use“ wird Verkehr „on demand“ (auf Bestellung, z.B. Anruf) eine immer größere Rolle spielen. Etwas Ähnliches kennen viele wohl schon vom sogenannten „Rufbus“ der RTV Rheingau-Taunus-Verkehrsgesellschaft, einem Kleinbus, der nur dann kommt, wenn er vorher bestellt wurde.

Mittelfristig wird der Verkehr durch intelligente autonome Fahrzeuge geprägt sein. Dies meint nicht etwa nur den Individualverkehr, sondern gerade eben auch den ÖPNV (siehe oben Abschnitt „Autonomes Fahren“). Auf feste Strecken (= Gleise) und Zeiten (= Fahrpläne) muss dann keine Rücksicht mehr genommen werden, ein autonomer Bus kann grundsätzlich fahren wann und wo er hinbestellt wird und wie der Bedarf es gebietet.

Zudem wird immer besser sichergestellt, innerhalb kurzer Zeit und für überschaubare Kosten über ein Fahrzeug mit passenden Eigenschaften aus Car-Sharing-Systemen verfügen zu können. Car-Sharing wird weiter an Bedeutung gewinnen und dazu beitragen, dass die Fahrzeugdichte im Individualverkehr abnimmt. Der Besitz eines eigenen Fahrzeugs wird keine Voraussetzung mehr für eine ständige Mobilität sein.

Unter dem Stichwort „Connected Mobility“ sind derzeit schon Konzepte in Arbeit, bei denen verschiedene Verkehrsträger bedarfsgerecht und flexibel vernetzt sind, so dass Reisende auch dann in kürzestmöglicher Zeit und mit größtmöglichem Komfort (z.B. wenige Umstiege oder kurze Wartezeiten) ans Ziel gelangen, wenn es bei einzelnen Abschnitten der Reise zu Ausfällen oder Verzögerungen kommt.

Herausforderungen für die Stadt der Zukunft

Wenn man sich diese Trends für die Zukunft des Verkehrs vor Augen hält, was bedeutet dies für eine Stadt wie Wiesbaden?

  • Dem heutigen ÖPNV werden starke Konkurrenten entstehen, wo er heute noch eine Monopolstellung hat. Auch im ÖPNV gibt aber künftig der Nutzer den Takt vor, nicht die städtischen Verkehrsbetriebe.
  • Es werden nicht große, starre Beförderungsangebote mit festen Fahrplänen, sondern kleinteilige, flexible Angebote in Verbindung mit intelligenten Buchungs- und Informationssystemen nebst Infrastruktur notwendig.
  • Erhebliche Investitionen in das Stromnetz müssen getätigt werden und zwar für die gesamte Elektromobilität/Lade-Infrastruktur und nicht nur für einzelne Verkehrsträger.
  • Eine optimale Vernetzung aller Verkehrsträger muss sichergestellt werden.

Viele europäische Städte erarbeiten dazu „Sustainable Urban Mobility Plans“, das sind Stadtmobilitätspläne, die von der Europäischen Union (EU) unterstützt werden. Solche strategischen Pläne bzw. Maßnahmenpläne berücksichtigen die gegenwärtigen und künftigen Mobilitätsbedürfnisse der Menschen und sollen helfen, die Lebensqualität in Stadt und Umland zu verbessern.

Was macht Wiesbaden? Die Politik und ESWE Verkehr scheinen die Herausforderungen, die in der Zukunft des Verkehrs liegen, noch nicht verstanden zu haben. Die Citybahn als starres Schienensystem mit ihrer langfristigen Technologie- und Kostenbindung ist für die Zukunft des Verkehrs kontraproduktiv. Die Citybahn ist ein Konzept der Vergangenheit. Wiesbaden sollte seine Investitionsmittel besser für Lösungen einsetzen, die eine Zukunft haben.

 

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